Der idyllischste Ort, den Zoo/Flora sich vorstellen können, ist das ranzige Klo in der Bar nebenan. Ja, die Kölner Band liebt das Schöne im Dreckigen, lebt von einer Ästhetik zwischen Derbheit und Romantik: Rockstar-Sonnenbrillen werden mit Brautkleidern vermischt; der Lippenstift ist aufgetragen, aber verschmiert. Damit unterscheiden Zoo/Flora sich von vielen Acts der sogenannten Neuen Neuen Deutschen Welle, schließen mit ihrer frech-eingängigen Punk/Pop-Mischung zwar daran an und erinnern an New-Wave-Legenden der 1980er, wirken letztlich aber anders: Herzgesteuert, trotzdem chaotisch – emotional aufgeladen und doch voller Tatendrang.
Benannt haben Zoo/Flora sich nach einer Haltestelle (ja, die beim Kölner Zoo). Die beiden Sänger Benjamin und Constantin lernten sich schon in Freiburg kennen, wo sie ursprünglich als Soloacts aktiv waren. Ein Hin- und Herschreiben auf Soundcloud führte irgendwann zum gemeinsamen Musikmachen, schnell stellten sie fest: Zusammen macht das nicht nur mehr Bock, sondern führt auch zu besseren Ergebnissen. Der Beginn einer musikalischen Ehe. Nacheinander zogen die beiden nach Köln, wo sie erste Songs veröffentlichten, schnell Anklang fanden und Aufritte spielten. Dafür erweiterten sie ihr Duo um zwei weitere Mitglieder – Lennart (Drums) und Elena (Bass) –, die Zoo/Flora in einen schwitzenden Live-Act verwandelten.
Die Chemie der beiden Sänger macht den Sound von Zoo/Flora aus – beide sind unverwechselbar, in Kombination sorgen sie für verdammt einprägsame Momente. Während Constantin seine sticheligen Texte eher rausschießt und geradezu ausspuckt, lässt der fast opernhafte, mit einem originellen Vibrato bewaffnete Benjamin jede Zeile in die Ewigkeit hallen. Eine großartige Mischung, auch textlich: Der eine bringt das Sentiment eines Songs auf den Punkt, der andere führt es aus.
Zoo/Flora haben verstanden, dass das spannendste Thema eh Zwischenmenschlichkeit ist – wie Leute ticken, was sie ausmacht – und, klar: die Liebe. Dieser verpassen die beiden stets einen Twist, weil sie keine Angst vor Ecken und Kanten haben. Daraus entstehen dann Anti-Liebeslieder, wie sie ihre Songs selbst nennen. „Was du mir sagst, macht gar keinen Sinn. Ich lieb dich nur, weil du mir meine Kippen bringst“, heißt es im Highlight „Golden Retriever“. Hier wird’s blutig: Die Idylle lebt nicht von glücklichen Kindern, sondern von toten Hunden und Liebhabern, die sich „am liebsten auf die Fresse schlagen“. Kann man nur mögen.
An anderer Stelle – genauer: im clubbigen Rave-Song „Weiße Nächte“ – geht’s um ähnlich Aufbrausendes: Wie Exzess zu Wut führt oder andersrum; ob das eine gar nicht ohne das andere existieren kann. Drogen, pulsierende Bässe, im Rhythmus ein- und ausatmen, „jemand stirbt heute Nacht“ – der Song pusht uns nach vorne. In all dem Chaos ist nur sicher, dass das nicht alleine funktioniert: „Tanz, oh bitte tanz mit mir“, singt Benjamin sehnsüchtig.
All ihre Songs nehmen Zoo/Flora in Constantins WG-Zimmer auf, mit wenig Equipment und einer bewussten DIY-Attitüde. Störgeräusche, E-Gitarren und 80s-Synths verzerren ineinander. Detailliertes Mixing? Für Loser. Drei Akkorde, vielleicht vier, aber dann ist gut. Wenn eine Saite verstimmt ist, dann: geil!
Zoo/Flora haben das Wichtigste verstanden: Wo bleibt der Spaß, wenn’s nicht auch mal weh tut? Das ist bei guter Popmusik genauso wie in der Liebe.