VERNIER schreibt melancholische Indie-Songs, die bleiben sollen. „I let you keep my shirt“, singt der aufstrebende Singer-Songwriter in „SCREWED UP“, der ersten Single seiner Debüt-EP „RIGHT PLACE WRONG TIME“. Das hat etwas Tröstliches – sein T-Shirt als letztes Überbleibsel einer romantischen Nacht – und verdeutlicht außerdem den Willen, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Im Sinne von: Er selbst kann nicht bleiben, also lässt der 26-Jährige etwas zurück – und zieht dann doch weiter…
„SCREWED UP“ bewegt sich zwischen zwei Genres, die sich längst nicht mehr ausschließen müssen – Indie-Folk und Pop – und steht damit für den lebendigen Gesamtsound von „RIGHT PLACE WRONG TIME“. Alle fünf Songs dieser vielseitigen EP klingen schimmernd und groß, wirken aber nie aufgeblasen. Stattdessen überzeugt VERNIER mit einer stilsicheren Eleganz, die englischsprachigen Acts aus Deutschland oft fehlt.
Über die Jahre hat der talentierte Musiker VERNIER schon einiges ausprobiert, war Drummer für erfolgreiche Acts aus verschiedenen Genres und trat als solcher schon vor riesigen Menschenmassen auf. Auch dadurch wurde das Verlangen, selbstgesungene Eigenkompositionen zu veröffentlichen, größer und größer. Am Ende gingen die Ambitionen von VERNIER über sein Schlagzeugspiel hinaus. In ihm gibt’s nunmal noch andere Ziele – und eben auch Gedanken, Schmerzen, die in Songs verarbeitet werden mussten. Also wurde „RIGHT PLACE WRONG TIME“ zum Schnappschuss seiner Persönlichkeit zur jetzigen Zeit; auch deshalb entschied er sich, als Künstlernamen seinen bürgerlichen Nachnamen zu wählen.
Die introvertierten Worte, die er mit seiner wiedererkennbaren Indie-Stimme vorträgt, sind universell und (vor allem für junge Menschen) nachvollziehbar. So fängt VERNIER auf „RIGHT PLACE WRONG TIME“ eine gewisse Aufbruchstimmung ein, wodurch sich die EP wie der Beginn einer langen Geschichte anfühlt – und dadurch wie die optimale Debüt-Veröffentlichung. Immer wieder öffnet VERNIER hier Türen, stellt Fragen, gibt gleichzeitig auch Antworten; selten sind Erstwerke derart rund. Das Motiv des Rennens taucht immer wieder auf – „You make me wanna run, but I can’t let go“ – und auch musikalisch wird dieses Gefühl eingefangen: mit jeder herzzerreißenden Melodie, jeder nachdenklichen Textzeile, jedem Akkordwechsel zum genau richtigen Zeitpunkt.
VERNIER kann nicht stehen bleiben; er rennt weiter, weil er nicht anders kann. Stets den nächsten Schritt gehen zu wollen ist gesund, führt auf „RIGHT PLACE WRONG TIME“ jedoch auch zu einer gewissen Tragik. Im Kern dieser selbstbewusst klingenden Indie-Pop-Songs stecken nämlich auch Selbstzweifel und andere Fragen, die alle jungen Menschen kennen: Wer bin ich? Wer sind wir gemeinsam? Und leider auch: Wer bin ich, wenn du plötzlich nicht mehr da bist? „I don’t know where, but we lost our meaning“, singt er im verträumten und trotzdem nach vorne gerichteten Opener „BREAKUP SEASON“.
Jeder Song auf „RIGHT PLACE WRONG TIME“ zeigt eine andere Facette von VERNIER, doch gemeinsam haben sie vor allem eins: Genau wie viele seiner größten Einflüsse (The 1975 / Angus & Julia Stone / Sam Fender), kann er die goldene Essenz alter Rock- und Popklassiker in etwas völlig Modernes verwandeln. Jeder Song verläuft organisch und scheint ganz selbstverständlich aus ihm herauszufließen. Was nicht heißen soll, dass hier nicht viel Arbeit drinsteckt. Hinsichtlich Arrangement und Produktion wurde zu keinem Zeitpunkt gespart – die EP „RIGHT PLACE WRONG TIME“ glänzt, knallt, begeistert.
Und dann denkt man über den Titel nach: Ich war hier schon richtig, doch der Zeitpunkt hat nicht gepasst. Also macht VERNIER weiter. Immer weiter.