Wenn das Gefühl für Raum und Zeit verschwindet…
Psychedelische Sounds fusionieren zu einem endlosen Klangteppich, wirklich zuordnen lässt sich hier nichts mehr. Muss ja auch nicht, lieber den Kopf ausschalten. Nur selten erscheinen Platten wie „ada“ (Release: 06.12.2024), die scheinbar endlose Möglichkeiten zum Wegträumen bieten – weil so viel Geschichte in ihnen steckt: „Das neue Album ist so etwas wie die Essenz aus über 30 Jahren Electric Orange“, erklärt Dirk Jan Müller, der das langlebige Projekt schon 1992 in Aachen gestartet und später zu einer großartigen Band ausgebaut hat.
Electric Orange sind eindeutig im Krautrock der Siebzigerjahre verwurzelt (und nutzen teilweise auch das Equipment dieser Ära), so erinnern viele Tracks an die altbekannten Legenden des Genres: Can, Tangerine Dream, Amon Düül – eine Mischung aus all dem, was die Bandmitglieder lieben. In dieser Welt ist jeder Groove noch besser, wenn man ihn minutenlang durchzieht. Die Musik von Electric Orange entwickelt sich durchgehend weiter, sphärische Klänge kommen dazu und gehen wieder… oder werden von experimentellen Wah-Wah-Gitarren abgelöst. Weltall-Soundeffekte? Film-Samples? Yes! Electric Orange legen dir eine weitläufige Welt offen und führen dich dann hindurch; ihre Musik ist treibend und verträumt zugleich.
Man nehme den Opener „henry s bead“, der knistert und blubbert und sich stetig aufbaut. Da bahnt sich was, denkt man beim Zuhören, und so ist es dann auch: Es folgen Tracks wie „erebus“, in dem eine genreuntypische Akustikgitarre auf wilde Flöten – man fühlt sich an den Progressive Rock von Yes oder King Crimson erinnert – trifft und fortlaufend deutlich wird, dass diese Musik keine Regeln hat. Apokalyptisch klingt sie stellenweise, macht aber (im bestmöglichen Sinne) den Anschein, als würde sie niemals enden. Man hat durchgehend das Gefühl, das wirklich alles passieren könnte.
Im Titeltrack taucht also eine tonangebende Gesangsstimme à la Syd Barret auf, völlig unerwartet, wohingegen das abstrakte Stück „Tage der Selbstmumifizierung“ schwerer zu packen ist und an Ambientmusik grenzt – nur, dass es auf „ada“ durchgehend Bewegung gibt und in jeder Ecke etwas passiert. Manchmal scheint das Hören geradezu visuell zu werden: Electric Orange machen Musik, in der man sich ewig lang umschauen möchte.
Im Vergleich zu anderen, noch freieren Veröffentlichungen von Electric Orange ist „ada“ außerdem einladender und leichter zugänglich: „Früher waren die Platten oft komplett improvisiert, also live im Studio eingespielt. Dann haben wir gedacht, dass wir was anderes machen müssen – wie eigentlich bei jeder Platte. Die Stücke sind viel kürzer und kompakter geworden. Früher waren sie länger, diesmal haben wir alles mehr auf den Punkt gebracht.“
Ein ultrasympathisches Kunstwerk ist „ada“ durch diese Aufgeschlossenheit, gleichzeitig passiert so unglaublich viel. Beispiel „lucid frames“: Scheinbar bekiffte Blechbläser fliegen herum, ein ultraverzerrtes Gitarrensolo schiebt das Ganze in Richtung Noise-Rock; später gibt’s natürlich ein tiefdröhnendes Saxophon, klar. Untendrunter geht der Groove immer weiter. Das ist ein Grundgerüst wie ein fliegender Teppich, auf dem Mann durch ein Universum der hypnotisierenden Klänge schwebt. Electric Orange erschaffen keine Songs, sondern kompakte Trips – sie saugen dich ein, tragen dich davon.