The Ties That Bind: Springsteen & Wir

Happy Birthday, Papa!

Es kann so simpel sein. Ja, derartig simpel sogar, dass es wie ein Klischee klingt: Nach der Schule sitzt ein kleiner Pimpf im Auto – wo auch sonst, wenn der Verfasser von „Racing in the Street“ erstmals in Erscheinung tritt – und aufgrund seines steigenden Interesses an Rockmusik spielt der Vater ihm Bruce Springsteen vor. BOOM, so kann’s gehen. Direkt ist der Elfjährige fasziniert, von dieser scheinbar unzerstörbaren Stimme und natürlich den lebendigen Songs. Der treibende Groove in „Dancing in the Dark“, die greifbare Melancholie von „The River“, das positive Aufbruchsgefühl in „Born To Run“ (meine Hymne, bis heute & für immer). Zuhause wurden sich dann Bilder angeschaut und die Begeisterung manifestierte sich endgültig: Lederjacke, wuscheliges Haar, ’ne Gitarre stets über die Schulter hängend. Jo, das muss er sein, der coolste Typ der Welt.

Es gibt Kunst, die im bestmöglichen Sinne erschüttert. Meistens findet man sie nicht in Büchern oder online, sondern in den Händen prägender Menschen. Solche Kunst kann dafür sorgen, dass alles andere langweilig erscheint. Dass man ernsthaft beleidigt ist, wenn sie einem abgesprochen wird. Dass man – zum Leid aller Anderen – ständig davon spricht.

Kurz nach dieser bahnbrechenden Entdeckung sah mein zwölfjähriges Ich sich bereits als Verkünder der Springsteen-Religion und gab lautstark in der Kneipe meines Opas bekannt, dass es nach ewigem Hin und Her nun beschlossen sei: „Born in the U.S.A.“ ist mein Lieblingsalbum (auch momentan ist es das wieder, morgen könnte es aber „Nebraska“ oder „Darkness on the Edge of Town“ sein). Als wäre diese Frage nicht nur für mich, sondern auch für alle anderen das Allerwichtigste auf der Welt. Und ehrlicherweise ist es das immer noch, auf ’ne Art. Das ist nunmal die Art von Künstler, die Bruce Springsteen ist – oder sein kann, wenn jemand deine Begeisterung wahrnimmt und aufgreift. Glück muss man haben, und darin war ich immer schon gut.

Natürlich kam meine Springsteen-Liebe in erster Linie aus mir selbst, allerdings wäre es unfair zu verschweigen, wie sehr ich in dieser Faszination unterstützt wurde. Vom Papa, klar, aber auch von anderen: Meine Mutter und ihr Partner René sorgten dafür, dass ich meine Obsession mit Büchern und sonstigem Nerd-Kram füttern konnte, oder fuhren mit mir in weit entfernte Kinos, weil dort gerade ein neuer Springsteen-Film gezeigt wurde. Ihnen war das wichtig, weil mir das wichtig war.

Andere Classic-Rock-Legenden, die mir (fast) genauso viel bedeuten – vor allem Bob Dylan und The Beatles –, sind eher mein eigenes Ding, wohingegen meine Springsteen-Begeisterung stets mit einer familiären Zusammengehörigkeit verbunden war. Deshalb ist es schlichtweg unmöglich, dass in meiner Welt jemals ein anderer Künstler besser sein kann. Das geht einfach nicht, weil die Anzahl an herzerwärmenden Erinnerung gigantisch ist und weiterhin wächst: Bald seh‘ ich Springsteen zum sechsten Mal, auch diesmal wieder mit dem Vater (oder meinem Lieblingscousin Leander, der während einer dreimonatigen Reise durch Südostasien selbst zum Springsteen-Fan wurde). Das sind die offensichtlichen Momente, genau so wichtig sind aber die kleinen: Beim gefühlt 21ten Bier über den vielschichtigen Songtext von „Highway Patrolman“ sprechen, und so weiter.

Dabei, dass Bruce Springsteen mir einfach nur vom Vater gezeigt wurde, hört’s natürlich nicht auf – nahegelegt wurde mir schließlich vieles, auch schon davor (z.B. Simon & Garfunkel, Cat Stevens). Nein, der Einfluss auf mein Leben war deutlich größer: Ich erinnere mich genau, wie „Death to My Hometown“ gerade als Teil des unterbewerteten Albums „Wrecking Ball“ erschienen ist, mein alter Herr im Sessel saß und sich die Lyrics anschaute, um nach Verbindungen zum Springsteen-Klassiker „My Hometown“ zu suchen. Durch gerade solche Momente wurde mir gezeigt, dass Musik mehr ist als toll klingende Geräusche. Dass ein Leben, welches der Wertschätzung von Popkultur gewidmet ist, ein wertvolles sein kann. Je tiefer du gräbst, desto mehr wirst du finden; und je mehr du findest, desto besser.

Schnell hat sich der Spieß gewissermaßen umgedreht und ich wurde die Person, die auf wichtige Neuentdeckungen hinweist; heute schick ich meinem Vater ständig irgendwelche Live-Videos oder übersetzte ihm Songtexte. Doch auch ohne diese Verbindungen ist Springsteen ein herausragender Künstler, klar. Bald beginnt meine Kolumne „We Better Talk This Over“, wo ich über unterbewertete Alben von großen Musik-Acts schreibe und hundertprozentig auch etwas zu Springsteen machen werde, weshalb ich mein Pulver jetzt ungern verschießen würde. Also nur kurz: Mein Papa hat mich letztens gefragt, was genau es ist, das wir an Bruce so sehr lieben. (Dass ich da schon die Idee für diesen Text hatte, wusste er nicht). Ich war erstmal erschlagen von der Frage, bis der Kern des Ganzen irgendwann zum Vorschein kam: Da ist jemand, der den Rock’n’Roll mehr liebt als alle andere auf Welt und dann alles für getan hat, darin der Allerbeste zu sein. „I didn’t think I had a great talent at it. I thought that I was somebody that was gonna have to really work harder than the next guy to formulate my own ideas and my own visions. And I did. When I was kid I did work harder than everybody else“, erzählte er mal im Interview. Es gibt viele Musiker mit mehr Talent, aber niemand mit mehr Willen – und am Ende des Tages ist das, zumindest für Leute wie uns, deutlich ansprechender. Ein Arbeiter ist Bruce Springsteen also allemal, obwohl er keinen einzigen Tag im klassischen Sinne malocht hat.

Springsteens demokratischen Werte, die im Laufe seiner Karriere immer auffälliger wurden, sowie sein textlicher Fokus auf die Arbeiterklasse spielt für meinen Vater, der sonst auch links-sozialistisch geprägte Liedermacher wie Hannes Wader verehrt, und mich eine wichtige Rolle. Im Kern vertritt Springsteen – zumindest in unseren Augen – die richtigen Dinge und setzt sich seit Jahrzehnten lautstark dafür ein. Er schreibt Songs über das, was seiner Meinung nach zählt im Leben. Und unser Lieblingslied, das eigentlich eher unpolitische „Racing in the Street“, handelt im Kern genau davon: Das Wichtige nicht aus den Augen zu verlieren.

Einen realistischen, an Verzweiflung grenzenden Blick auf die Welt in pure Energie umwandeln zu können, ist womöglich das, was Springsteen über die Jahre perfektioniert hat. Sich die Welt (oder sich selbst) mit all den dazugehörigen Problemen anzuschauen und eben nicht zu erfrieren, sondern voller Inbrunst auf’s Mikro zuzulaufen: One, Two, Three, Four, und die E Street Band setzt ein. Nichts ist eindrucksvoller. Die gesündeste Art zu leben.

Und dann ist da natürlich noch Springsteens Verhältnis zu seinem eigenen Vater, das er in seinen Liedern immer wieder thematisiert hat. Verständlicherweise, finde ich, weil man aus solchen Dynamiken unendlich viel lernen kann. (Gut, dass ich den besten großen Bruder der Welt hab, der mir dabei helfen kann; den hatte der mit Depressionen kämpfende Springsteen nicht.) Vom wütenden „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“-Geschrei in „Adam Raised a Cain“ über die Beschreibung des grauen Arbeitsalltags seines Vaters in „Factory“ bis zu „My Hometown“, in dem Springsteen feststellt, dass man den eigenen Herkunft niemals entfliehen kann. Er singt von der Welt, die der eigene Vater einem eröffnet. Was er einem zeigt und was eben nicht – und wie einen das prägt.

In seinem vielleicht besten Song zu dieser Thematik, „Independence Day“, geht’s um die vergeblichen Versuche, sich trotzdem frei zu machen von dieser väterlichen Beziehung, weil sie in Springsteens Fall zu nichts mehr geführt hat; außer zu Gesprächen, die ins Leere führen. „Papa, now I know the things you wanted that you could not say“. Wir hatten dieses Problem nie und können uns alles sagen, das glaube und hoffe ich zumindest. Umso schwerer wird es sein, wenn der unausweichliche „Independence Day“ irgendwann kommen wird.

Wo auch immer ich irgendwann bin, ganz egal wer dann noch da ist: Die Songs von Bruce Springsteen bleiben. Und irgendjemanden werd ich dann schon finden, der mich tröstend im Arm hält, wenn „Racing in the Street“ läuft und die ganze Welt so zerbrechlich erscheint. Da werd ich schon für sorgen – ich hatte ja genügend Hilfe.