Pressetext: Charlie Mio Marlin

Dass Charlie Mio Marlin auch meint, was in their gehaltvollen Songs gesungen wird, könnte eindeutiger nicht sein – allein schon dadurch, wie they seine Texte vorträgt. They liebt die große Inszenierung im Pop, was sowohl in der theatralischen Gestik/Mimik bei Bühnenauftritten als auch in der originellen Wortwahl innerhalb their Songs deutlich wird (ein paar Highlights: die Gräben des Saturn; rosarot glühende Schimmelpilze; die Heptapoden aus dem Film „Arrival“). Ausgestattet mit einem druckvollen Stimmorgan erschien Charlie Mio Marlin zu Beginn des neuen Jahrzehnts auf der Bildfläche und veröffentlichte mit der EP „Morgentau“, die gemeinsam mit their Hauptkollaborateur Vincent Ancot entstand, ein beeindruckendes Erstprojekt. Dessen Bandbreite war gigantisch, so war darauf neben dem hochdramatischen „Apokalypse Wow!“ auch das intime „Lieben & Lieben lassen“ zu finden; um nur mal zwei Beispiele zu nennen.

Danach dann erstmal: Schreibblockade. Passiert den Besten. Der sinnvollste Ausweg ist da natürlich das wilde Herumexperimentieren, woraus letztendlich das ultra-eingängige Highlight „Eure Blumen“ entstanden ist (Charlie Mio Marlin bewegt sich immer wieder in die Richtung des Pop, wenn auch eher unbewusst). Wo es auf „Morgentau“ noch darum ging, sich selbst und alle dazugehörigen Facetten überhaupt erstmal kennenzulernen – die Stichwörter waren dabei Coming-Out und Depressionen –, handelt „Eure Blumen“ ganz bewusst von einem DANACH. Ein wichtiger Schritt, mit dem Charlie Mio Marlin festgestellt hat, dass man für große Kunst nicht unbedingt großes Leid ertragen muss. Die bunten Farben schimmern hier in jeder Ecke. „Ich bin gewachsen, um zu bleiben“, heißt es, und später dann: „Verwelken will ich nie“. Daran besteht kein Zweifel.

„Mein Gesicht“ ist nun der neuste Eintrag in Charlie Mio Marlins Diskographie – und für them selbst der bisher rätselhafteste. Ursprünglich begann der Song als Gedicht, als plötzlich erscheinende Aneinanderreihung von herrlich klingenden Reimen, ohne tieferen Sinn. Doch im Laufe der Zeit haben sich mehrere Bedeutungsebenen herauskristallisiert: Das eigene Gesicht als Projektionsfläche, das von anderen nie so wahrgenommen wird, wie man es gerne hätte; vor allem für eine non-binäre Person ist sowas ja immer wieder Thema. Gleichzeitig geht es um das merkwürdige Verlangen, sich anzupassen, denn jede*r will schließlich verstanden werden. Musikalisch wird diese Thematik von dem bisher elektronischsten und tanzbarsten Arrangement aus dem gesamten Songkatalog von Charlie Mio Marlin unterstützt – ein Track, der abgeht. Immer intensiver baut „Mein Gesicht“ sich auf und explodiert am Ende zu einem brachialen 4-on-the-Floor-Beat. „Schau mich an, sieh mir zu“, heißt es darin mehrmals. Liebend gerne.