Pressetext: „GOOD MOTHER“ von Ferge X Fisherman

Erwachsenwerden kann anstrengend sein, ja sogar überfordernd. Mit der Komplexität dieses Prozesses – also mit all den Problemen und Gedanken, die damit einhergehen – befasst sich das Hip-Hop-Kollektiv Ferge X Fisherman auf ihrem neuen Studioalbum „GOOD MOTHER“. Der Frontrapper Fritz Fisherman teilt darauf prägende Erfahrungen, erzählt von falsch gestellten Weichen und fängt die universellen Ängste dieser Phase ein: Kann ich mir selbst treu bleiben, wenn sich alles um mich herum verändert? Wie werde ich meiner gesellschaftlichen Verantwortung gerecht? Die Uhr tickt! Was ist, wenn ich noch nicht bereit bin?

Es geht auf „GOOD MOTHER“ also um das Feeling, in verschiedenen Lebensbereichen (Karriere, Beziehung, Gesellschaft) vor diversen Veränderungen zu stehen und diesen nicht aus dem Weg gehen zu können. Schon zu Beginn des Albums wird sich die Frage gestellt, wie man seinen finanziellen und emotionalen Verantwortungen gerecht werden soll. Und auch im weiteren Verlauf spielen Unsicherheiten häufig eine Rolle: So handelt der Song „SUPPOSED“ beispielsweise von sexueller Befangenheit aus einer männlichen Perspektive – ein Thema, das im Hip-Hop viel zu oft ignoriert wird. 

Immer wieder macht die Platte deutlich, dass der Lebensabschnitt des Erwachsenwerdens ein weitreichendes Mosaik ist und sich aus diversen Mikroverarbeitungen zusammensetzt. Während es in „LACE UP“ also darum geht, die eigenen Ideale nicht verlieren zu wollen, thematisiert „ADULTS“ das unvermeidbare Ende einer Liebesbeziehung. Die Songabfolge aus „SUMMER“ und „FALL“ macht wiederum die Transformation von Selbstbewusstsein zu Selbstmitleid deutlich: „Pride comes before the fall like summer“, heißt es darin – und man merkt: Sich den eigenen Lebensweg mit einem kritischen Auge anzuschauen, das macht den Kern dieses Albums aus. 

Soundmäßig bilden Ferge X Fisherman ganz bewusst einen Kontrast zu diesen Gefühlen der Dringlichkeit. Denn durch Gospel-Chöre und soulige Rhodes-Akkorde klingt „GOOD MOTHER“ warm und geradezu gemütlich, wodurch das eigene Privileg der Musiker klargemacht werden soll. Immer wieder gibt es beispielsweise auch Wah-Wah-Gitarren oder Vintage-Streicher, sodass das Ganze fast etwas von einem 70er-Filmsoundtrack hat. Wunderbar fügt sich diese elegante Klangwelt mit dem für Ferge X Fisherman bereits typischen Hybrid aus organischen und elektronischen Drums zusammen. 

All die Möglichkeiten ihrer Besetzung, die neben dem Rapper Fisherman und dem Produzenten Ferge auch mehrere Jazz-Instrumentalisten beinhaltet, werden auf „GOOD MOTHER“ wieder wundervoll ausgenutzt. Und wenn mit dieser beschriebenen Gemütlichkeit dann mal gebrochen wird, dann immer nur, um das erwähnte Gefühl von Transformation zu unterstreichen. Man muss sich nur mal den Beginn des Albums anschauen: Dramatische Streicher türmen sich auf – der Beginn einer bedeutsamen Metamorphose –, ehe wilde Jazz-Drums dazukommen und dem Song eine gewisse Unruhe verleihen. 

Auch das Highlight „CATERPILLAR/BUTTERFLY“ ist ein bewusster Bruch mit der restlichen Wärme des Albums: Denn die erste Hälfte des Songs bedient sich am energischen, hochintensiven Trap-Sound des US-Südens, ehe sich das ganze zu wohligem Jazz-Rap verwandelt. Immer wieder legen Ferge X Fisherman wert darauf, sich die Dinge aus mehreren Perspektiven anschauen – und deutlich zu machen, dass sich scheinbar gleiche Dinge häufig komplett anders anfühlen können.

„GOOD MOTHER“ ist ein mehrdimensionales Coming-of-Age-Album, auf dem Ferge X Fisherman vor einem unsortierten Haufen aus Veränderungen zu stehen scheinen und eben diese Überforderung dann zu ihren Gunsten nutzen – indem sie den Problemen der Erwachsenenwelt eine umarmende Innigkeit gegenüberstellen.