Bachelorarbeit

Bei dem folgenden Text handelt es sich um die Einleitung meiner Bachelorarbeit zum Thema „Nothing worse than a rockist: Eine Diskursanalyse des Poptimismus anhand von ausgewählten Artikeln journalistischer US-Medien“, die ich als Teil des Studiengangs „Populäre Musik und Medien“ (Universität Paderborn) verfasst habe.

Um als anekdotischen Einstieg in diese wissenschaftliche Arbeit nur kurz von mir selbst zu sprechen: Da stand ich also, lediglich die Zeit totschlagend und ohnehin geldlos, vor den Musikmagazinen in der entsprechenden Ecke des lokalen Bahnhofskiosks. Dass diese Zeitschriften vor gar nicht allzu langer Zeit noch eindrucksvoller in ihrer Quantität und Qualität waren, ist in diesem Moment keineswegs eine neue Feststellung meinerseits gewesen und soll hier auch gar nicht weiter in den Fokus gerückt werden – auch, weil vor allem die Sache mit der Qualität viel zu subjektiv wäre, um sie in den Mittelpunkt einer wissenschaftlichen Arbeit zu stellen. Was mir in diesem Moment aber sehr wohl zum ersten Mal ins Auge gesprungen ist, war der ziemlich auffällige Unterschied zwischen der Titelseite der amerikanischen, ursprünglich mal einzigen Version des Musikmagazins Rolling Stone und der seines deutschen Ablegers, bei dem es sich um eine separate Zeitschrift mit eigener Redaktion handelt. Auffällig war das nicht etwa, weil sie lediglich verschieden aufgemacht waren, sondern weil sie gänzlich unterschiedliche Ansätze zu beinhalten schienen – und damit zwei grundlegend verschiedene Ideologien des Musikjournalismus repräsentierten, die man hier auf einen Blick betrachten konnte.

Während auf der Titelseite des deutschen Rolling Stone im Dezember des Jahres 2022 zum zigtausendsten Mal der gefeierte, bereits im Jahr 2016 verstorbene und über einen Zeitraum von mehr als 50 Jahren ausgiebig besprochene Musiker Leonard Cohen abgebildet war, zierte die 31-jährige Popsängerin und ehemalige Teenie-Ikone Selena Gomez das Cover des amerikanischen Rolling Stone. Ganz grundsätzlich lässt sich diesbezüglich sagen: Leonard Cohen steht für schon seit Beginn des popkulturellen Musikjournalismus geltende Qualitätsmerkmale wie Authentizität und Ernsthaftigkeit (vgl. Kapitel 2.2.), wohingegen die im Vergleich eher Teenager-ansprechende und ihren Ursprung in Disney-Serien habende Selena Gomez kommerzorientierte Selbstinszenierung repräsentiert – im anekdotischen Teil dieser Einleitung erlaube ich mir einfach mal, das in dieser Form festzuhalten.

Dieser Kontrast verdeutlicht nicht nur eine Gegenüberstellung von Generationen und Geschlechtern, sondern, wie bereits angesprochen, auch von grundverschiedenen Ideologien des Musikjournalismus. Heißt: Das Ganze symbolisiert den Unterschied zwischen Rockismus und Poptimismus – zwei Begriffe, an denen sich einiges in Bezug auf die Entwicklung des popkulturellen Musikjournalismus ablesen lässt und von denen vor allem der Zweite im Kern dieser Bachelorarbeit stehen soll.

Um noch ein weiteres Beispiel zu nennen, das zwar nicht direkt aus der Welt des Musikjournalismus stammt, aber ebenso repräsentativ für das Poptimismus- Phänomen ist: Als zwei Mitglieder*innen der hochgelobten, musikalisch ziemlich experimentierfreudigen Indierock-Band Black Country, New Road zu Gast in der Arte-Sendung Echoes with Jenny Beth waren und bezüglich ihrer musikalischen Einflüsse ausgefragt wurden, antwortete Tyler Hyde, die Bassistin der Gruppe: „[We’re] kind of influenced by, like, our interest in pop music. […] The seven members of us, in the band, and the one taste that we share is our love of pop music.“ (BCNR Archives 2023: 5:22-5:32). Daraufhin fragt ein weiterer Teilnehmer des Gesprächs, Ed O’Brien, Gitarrist der Rockband Radiohead: „So what kind of pop? What are we talking?“ (ebd.: 5:32-5:34). Zuerst antwortet Hyde: „Charli XCX, Carly Rae Jepsen“ (ebd.: 5:35-5:39) – bevor das andere, in diesem Gespräch anwesende Mitglied der Gruppe, der damalige Frontmann Isaac Wood, beifügt: „Ariana Grande.“ (ebd.: 5:39-5:41). An dieser Stelle wage ich noch ein letztes Mal zu behaupten, dass eine bei Musikkritiker*innen so beliebte Indierock-Band wie Black Country, New Road noch vor 20 Jahren niemals solche Popstars als Einflüsse genannt hätte. Genauso wie der Rolling Stone damals keinen Teenie-Star wie Selena Gomez auf die Titelseite gedruckt hätte. Irgendwas hat sich da also verändert.

Womit wir dann zum Titel dieser Bachelorarbeit, „Nothing worse than a rockist“, kommen würden – eine Aussage, die in ähnlicher Form bestimmt auch den Mitgliedern von Black Country, New Road durch den Kopf schwirrten, als sie ihre musikalischen Einflüsse nannten. Jedenfalls stammt die Aussage „Nothing worse than a rockist“ ursprünglich aus einem im Jahr 2004 veröffentlichten Artikel des Autors und Musikjournalisten Kelefa Sanneh mit dem Titel „The Rap Against Rocksim“, in dem es um die Schattenseiten des Rockismus geht und der bei Besprechungen des Poptimismus-Phänomens immer wieder als dessen Ursprungstext bezeichnet wird (vgl. Richards 2015). Doch dazu später mehr. An dieser Stelle soll nur festgehalten werden: Die Ansicht, dass nichts schlimmer als ein Rockist ist, macht den Kern des Poptimismus aus.

Bisher existiert keine wissenschaftliche Arbeit, die sich explizit mit dem Phänomen des Poptimismus auseinandersetzt. Vor allem in Deutschland ist der Begriff noch kaum verbreitet – sowohl im Alltag und Journalismus als auch in der Wissenschaft. Deshalb soll sich bei der theoretischen Rahmung vor allem auf generelle Abhandlungen zu der Bewertung von Pop und Mainstream bezogen werden.

Da ich selbst als Musikjournalist arbeite und den meisten der Ansichten im Kern des Poptimismus zustimme, will ich das Phänomen und vor allem meinen eigenen Standpunkt dazu durch diese Arbeit besser verstehen. Außerdem hoffe ich, dass durch diese Arbeit möglicherweise mehr Leute auf den Poptimismus und dessen Relevanz aufmerksam werden.

Es gilt also, das Phänomen zu erklären und anschließend zu schauen, wie der Begriff journalistisch diskutiert wurde, wodurch ein möglichst mehrdimensionales Verständnis des Poptimismus entstehen soll. Dabei ist allerdings zu beachten, dass durch die Auswahl der Artikel selbstverständlich nur ein Teil des gesamten Poptimismus-Diskurses dargestellt werden kann. Warum hier ausschließlich US-amerikanische Artikel aus den 2010er Jahren im Fokus stehen und sich hinsichtlich der Methode für die Kritische Diskursanalyse nach Jäger entschieden wurde, wird zu Beginn des Analyseteils erläutert.

Nachdem also auf die generelle Bewertung von Pop bzw. Mainstream und den Rockismus eingegangen wurde und die Sichtweisen des Poptimismus klar geworden sind, erfolgt die Kritische Diskursanalyse nach Jäger, die sich in eine Struktur-, eine Fein- und eine Gesamtanalyse unterteilt. Anschließend soll das Ganze in einem Fazit zusammengefasst werden.

Quellenangabe: L. Brauwers, „Nothing worse than a rockist“: Eine Diskursanalyse des Poptimismus anhand von ausgewählten Artikeln journalistischer US-Medien, Unveröffentlichte BA-Arbeit Universität Paderborn