The White Album: Alles auf einmal

Die pausenlose Weiterentwicklung der Beatles und ihre scheinbar tagtägliche Erweiterung des allgemeinen Musikvokabulars ist bis heute einzigartig. Nur mal so als Beispiel: Schon 18 Monate nach der Veröffentlichung ihres immens gefeierten Flower-Power-Meilensteins „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ aus dem Jahr 1967 – ein ziemlich überbewertetes Album, wenn du mich fragst – brachten John, Paul, George und Ringo eine Platte heraus, durch die sich das psychedelische LSD-Gehabe des Vorjahres bereits wie Schnee von gestern anfühlte. War es auch, denn während man 1967 heute vor allem mit dem Summer of Love in Verbindung bringt, schlugen die dazugehörigen Hippie-Ideen von Frieden und Gleichberechtigung schon 1968 eine andere Richtung ein. Afroamerikanische Bürgerrechtsproteste, eine lauter werdende Ablehnung des Vietnamkriegs und die tragische Ermordung von Martin Luther King prägten dieses insgesamt eher turbulente Jahr. Der Übergang zur düsteren Seite der Dekade, könnte man sagen. Jedenfalls waren die jeweiligen Stimmungen dieser zwei aufeinanderfolgenden Jahre grundlegend verschieden. Und weil es das ist, was die genialste Band aller Zeiten halt so macht, wenn sie gerade mal wieder genial ist, veröffentlichten die Beatles ein Album, das mit seiner chaotischen Ästhetik den Zeitgeist einfing. Wenn auch höchstwahrscheinlich nur aus Versehen. Ist bei großartiger Kunst ja häufig so.

Der offizielle Name dieses radikalen Meisterwerks war schlicht und einfach „The Beatles“, besser bekannt ist es jedoch als „The White Album“. Die offensichtlichen Abweichungen zum Vorwerk entdeckt man schnell, schon bevor man auch nur eine Note gehört hat: Wir waren die fiktive Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band, jetzt sind wir wieder The Beatles. Wir hatten ein ultra-farbvolles Albumcover, jetzt haben wir ein komplett weißes Albumcover. Wir machen jetzt ein Doppelalbum, weil das haben wir noch nie gemacht.

Womit wir dann zur Musik kommen würden. Als offiziellen Nachfolger von „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ hätten die Beatles ein hartes, aggressives Album mit Songs wie „Helter Skelter“ und „Everybody’s Got Something To Hide Except Me And My Monkey“ rausbringen können, um die Unruhen von 1968 ganz direkt einzufangen. Sie hätten ein subtiles Album mit wundervollen Folk-Balladen wie „I Will“ und „Mother Nature’s Son“ veröffentlichen können, als klarer Kontrast zu eben diesen Unruhen. Oder ein Album mit neuen Genreexperimenten wie „Revolution 9“ (Avantgarde-Klangcollage) und „Ob-La-Di, Ob-La-Da“ (jamaikanischer Ska). Stattdessen erschufen sie ein Werk, dass all diese Dinge auf einmal ist. Und noch viel mehr. „The White Album“ halt.

Im Zuge dessen brachten die Beatles eine völlig neue Art von Doppel-LP hervor – ein fragmentiertes Album, dessen Einheitlichkeit darin besteht, dass quasi nichts einheitlich ist. Weniger durchgetaktet ist es im Vergleich zu vorherigen Beatles-Werken. Denn es geht hier viel mehr darum, alle Ideen an die Wand zu klatschen, als um das Gestalten eines zusammenhängenden Konzepts oder einer durchgängigen Klangästhetik. Dadurch steckt so viel mehr Menschsein im „White Album“: Nichtmal ansatzweise jeder Song ist eine glorreiche Meisterleistung, das beste Gesamtwerk der Band bleibt es aber trotzdem. Denn irgendwie schafft es das 93-Minütige Album, dass man z.B. „Rocky Raccoon“ im Kontext der Platte genauso wertschätzt wie „Sexy Sadie“. Ersterer ist ein humorvoller Spaßsong und der andere ist offensichtlich fantastisch. Das heißt aber nicht, dass ich „Rocky Raccoon“ seltener hören möchte.

(Hier ein paar Alben, die – egal ob bewusst oder nicht – von der Weitläufigkeit des „White Albums“ beeinflusst wurden und aus den selben, gerade genannten Gründen beeindrucken: „Tusk“ von Fleetwood Mac, „Sign o‘ the Times“ von Prince, „Wowee Zowee“ von Pavement, „Stankonia“ von Outkast, „The Life of Pablo“ von Kanye West, „Notes on a Conditional Form“ von The 1975, „Dragon New Warm Mountain I Believe In You“ von Big Thief. Das nur kurz am Rande.)

Der Mythos besagt, dass die Beatles sich während der Entstehung des „White Albums“ schon nicht mehr leiden konnten. Die möglichen Gründe/Indizien dafür (z.B. die ständige Anwesenheit von Yoko Ono und Ringos zwischenzeitiger Bandaustritt) sind altbekannt. Aber die Tatsache, dass die Gruppenmitglieder teilweise getrennt voneinander arbeiteten, wirkt meiner Meinung nach vielmehr wie eine bewusste Entscheidung, um sich weiterzuentwickeln, als wie eine Folge von gegenseitiger Abneigung. Dazu kommt, dass das aufeinander abgestimmte Zusammenspiel in Songs wie „Cry Baby Cry“ viel zu perfekt ist, um seinen Ursprung in der verlorenen Chemie zerstrittener Freunde zu haben. Auch Giles Martin, Sohn des Beatles-Produzenten George Martin, hat in einem Interview mal davon gesprochen, dass man die Band in den Studio-Outtakes und Demoaufnahmen zum „White Album“ nie streiten hört – ganz im Gegenteil. Irgendeine Form von Spaß muss damals also im Raum gewesen sein, sonst kann man eine so lebhafte Platte nicht erschaffen. Genug also mit den ständigen Aussagen, dass sich die vier Liverpooler hier bereits von ihrem Dasein als Gruppe entfernen wollten. Glaub ich nämlich nicht.

Vor allem will ich das nicht glauben. Denn „The White Album“ sprüht nur so vor bewundernswerten Dingen: Ich liebe, dass die Diversität dieses Meisterwerks schon auf die 1970er Jahre hindeutet. Ich liebe, dass der Song „Julia“ ein Vorbote für Lennons erstes Solowerk („Plastic Ono Band“) und gleichzeitig für den zärtlichen Stil des damals noch ungeboren Indie-Künstlers Elliott Smith ist. Ich liebe, dass George Harrison hier mit Stücken wie „While My Guitar Gently Weeps“ endgültig ein ebenso genialer Songwriter wie McCartney und Lennon geworden ist. Ich liebe, dass „Piggies“ (ein makaberes Tierlied) direkt nach „Blackbird“ (ein herzerwärmendes Tierlied) kommt. Ich liebe, dass „Martha My Dear“ über McCartneys Hund geschrieben wurde. Ich liebe, dass Lennons rotziger Selbsthass in „Yer Blues“ auf vorherigen Beatles-Alben undenkbar gewesen wäre. Ich liebe, dass Ringo uns am Ende der Platte eine gute Nacht wünscht. Sorgen muss ich mir erst machen, wenn mich das alles nicht mehr begeistert. Wird aber nie passieren.