Review: Big Thief – Dragon New Warm Mountain I Believe In You

„It’s a little bit magic“

Ich bin mir bewusst, dass ich mich häufig von meiner Begeisterung für eine Sache verleiten lasse und nicht selten zu Superlativen greife. Aber ganz ehrlich, scheiß drauf: „Dragon New Warm Mountain I Believe In You“ ist für mich das beste Album der letzten vier Jahre – also seitdem ich über Musik schreibe. Meine Freundin hat es nach ihrem ersten Hördurchgang auf den Punkt gebracht: „Dieses Album hat alles, was ich mir von einer Platte wünschen kann.“ Das klingt vielleicht etwas hoch gegriffen, ist aber wahr. Mir geht’s zumindest auch so.

„Dragon New Warm Mountain I Believe In You“ ist ein 80-minütiges Doppelalbum aus 20 Songs, die hinsichtlich Sound und Stimmung stark variieren. Anders als auf ihren vorherigen Platten, die von kompakten Tracklists und klaren Ästhetiken gelebt haben, wollen Big Thief diesmal nichts Konkretes sein, sondern begeistern mit einer lockeren, spielerischen Neugier und probieren alles aus, worauf sie Bock haben. Das sind ohnehin immer die besten Doppelalben, finde ich. Mit anderen Worten: „The White Album“ > „The Wall“.

Der Titel des ersten Tracks, „Change“, ist Programm, denn verändern wird sich die Gruppe hier fast mit jedem Song. Die Vielfalt dieses weitläufigen Albums bringt mich mal zum tanzen, mal zum weinen und zaubert mir immer wieder ein dickes Grinsen ins Gesicht. (Vor allem an einem Tag wie heute, dem 24.02.2022, kann ich das gut gebrauchen).

Aufgenommen wurde die Platte in vier verschiedenen Studios quer über die USA verteilt, jeweils mit anderen Toningenieuren und Ansätzen – ein Konzept, das Drummer James Krivchenia entwickelte, um alle Facetten des Songwritings von Frontfrau Adrianne Lenker einzufangen. Die 20 Songs, die letztendlich ausgewählt wurden, zeigen eine große Palette an Einflüssen: Während Balladen wie „The Only Place“ an Elliott Smith oder die akustischen Momente auf dem „White Album“ der Beatles erinnern, denke ich bei Country-Rock-Nummern wie dem augenzwinkernden Closer „Blue Lightning“ an The Band. Bei anderen, experimentelleren Songs sind die Ursprünge unklarer (z.B. „Blurred View“).

Trotz der ständigen Stimmungswechsel passt alles perfekt zusammen – vor allem, weil Big Thief eine ganz besondere Energie erzeugen, wenn sie miteinander spielen. Tracks wie „Certainty“ oder „Little Things“ sind wundervoll geschriebene Lieder, doch zu Orgasmen für die Ohren werden sie erst durch die großartige Chemie der vier Musiker. Man spürt, dass die Band gemeinsam eine eigene Sprache spricht. Und wirklich nichts auf der Welt ist schöner als das.