Unpopular opinion: „Bound 2“ ist der beste Song von Kanye West. Ganz am Ende seines kompromisslosen Meisterwerks „Yeezus“ schmeißt er mit diesem Track das raue Getöse der vorherigen Songs zur Seite, schnappt sich einen bezaubernden Soul-Beat und erzählt von einer mindestens grotesken Liebesbeziehung. In „Bound 2“ klingt er herzerwärmend, irgendwie süß, zwischendurch sogar lustig („Hey, you remember where we first met? Okay, I don’t remember where we first met“).
Passend, dass Black Country, New Road diesen Song auf ihrem großartigen Zweitwerk „Ants from Up There“ erwähnen – wenn auch nur einmal kurz in „The Place Where He Inserted the Blade“ (sehr guter Titel übrigens). Der Vergleich eignet sich zumindest ein bisschen: Das Album steht im Kontrast zu der lärmenden und teilweise irritierenden Experimentierfreudigkeit von vorherigen Songs der Gruppe, ist stattdessen wunderschön arrangiert und berührt mit einer leicht naiven Romantik. Humorvoll ist die Platte sowieso, war das Debüt ja schon. Beste Zeile damals: „I’m more than adequate! Leave Kanye out of this!“. Kanye West, pardon, Ye scheint in dieser Band öfter mal Thema zu sein.
Und mindestens grotesk ist das Album auch wieder. Definitiv aber weniger beklommen: Der Protagonist zündet in den Lyrics diesmal niemanden an, wie damals in „Science Fair“, sondern wird in „Bread Song“ beispielsweise von seinem Liebespartner darum gebeten, das Bett doch bitte nicht mit Brotkrümeln zu versauen – eine Metapher, die man (bestimmt) vielfältig deuten kann.
Mit ihrem Hang zum Epischen und der gleichen Nervosität in den Vocals klingt die Band auf „Ants from Up There“ ein wenig wie Arcade Fire zu „Funeral“-Zeiten. Der große Unterschied: Black Country, New Road trauen sich mehr. Immer mal wieder werfen sie mit ungewöhnlichen Taktarten um sich und nutzen die Möglichkeiten ihrer siebenköpfigen Besetzung intensiver aus. Außerdem wirkt die Gruppe freier als ihre kanadischen Vorbilder: Der Song „Haldern“ (benannt nach einem Festival ganz in der Nähe meiner Heimatstadt) wurde laut eigenen Angaben während einer improvisierten Jam-Session geschrieben.
In Interviews erzählten Black Country, New Road davon, für „Ants from Up There“ dreieinhalb-minütige Popsongs schreiben zu wollen. So weit ist es nicht gekommen – allein die letzten beiden Nummern ergeben zusammen fast 22 Minuten –, doch zugänglicher ist die Band trotzdem geworden; zumindest für ihre Verhältnisse. Der jubelnde Refrain von „Chaos Space Marine“ ertönt zwar nur einmal, knallt aber gerade deswegen umso mehr. Und eine hinreißende Power-Ballade wie z.B. „Concorde“ baut sich auf und dann wieder ab und dann wieder auf und ist am Ende einfach wundervoll gewesen. Wie eigentlich diese ganze Platte.
Von den letzten beiden Songs, „Snow Globes“ und „Basketball Shoes“, will ich gar nicht erst anfangen. Nur kurz: „Snow Globes“ bleibt ungefähr ab der Hälfte bei einer überragenden Gesangsmelodie, während die Drums immer mehr eskalieren. Das Ergebnis trifft mitten ins Herz. „Basketball Shoes“ hingegen greift vorherige Motive des Albums wieder auf und verbindet verschiedene Songideen, die sich letztendlich wie ein zusammenhängendes Ganzes anfühlen. Genial.
Dass man diese Musik wohl nie mehr live sehen wird, ist eine gottverdammte Tragödie. Nur wenige Tage vor der Veröffentlichung der Platte hat Frontmann Isaac Wood bekanntgegeben, ab jetzt nicht mehr Teil von Black Country, New Road zu sein; Grund ist seine psychische Verfassung. „Ants from Up There“ wird also das letzte Album mit ihm bleiben, und bei Konzerten wird Isaac Wood auch nicht mehr dabei sein. Die Zukunft der Gruppe ist ungewiss. Wird es eine neue Frontperson geben? Übernimmt einer der übergebliebenen Bandmitglieder die führende Rolle? Oder machen Black Country, New Road ab jetzt nur noch Instrumentalmusik? Kein Plan.
Ich könnte jetzt etwas Prätentiöses sagen wie „Die Platte thematisiert emotionale Nähe bzw. Distanz und wie das eine nicht ohne das andere existieren kann.“ Oder ich könnte überlegen, wie ich den Bogen wieder zurück zu Kanye West schlagen kann. Doch dann denke ich an die vielleicht ehrlichste Zeile des Albums: „But, for less than a moment, we’d share the same sky. And then Isaac will suffer, Concorde will fly.“ Das sollte als gutes Ende reichen.