Bob Dylan ist ein Poet. Diese Aussage ist so offensichtlich, dass sie mittlerweile ein Klischee geworden ist. Doch das macht sie nicht weniger wahr. Niemand sonst war im Umgang mit Songtexten so kreativ wie er, weshalb der Sänger im Jahr 2016 zurecht mit einem Nobelpreis „für seine poetischen Neuschöpfungen in der großen amerikanischen Songtradition“ ausgezeichnet wurde. In den 1960er Jahren transformierte Dylan die Popmusik in eine erwachsene Ausdrucksform, in der nicht mehr nur die immergleichen Themen besungen wurden, sondern plötzlich auch Platz für politische Äußerungen und surreale Hirngespinste geschaffen wurde. Bis heute versuchen Leute auf der ganzen Welt, die sich lächerlicherweise häufig als Dylanologen bezeichnen, sein lyrisches Werk zu begreifen. Doch in Wahrheit kann niemand Songs wie „Visions of Johanna“ und „Tangled up in Blue“ abschließend verstehen, wahrscheinlich nicht mal Bob Dylan selbst.
Sein Talent endet allerdings nicht bei seinen Fähigkeiten als wortgewandter Poet. Bruce Springsteen sprach in einem Interview mit dem amerikanischen Fernsehmoderator Jimmy Fallon darüber, wie in erster Linie die Stimme von Dylan und der Klang seiner Musik dafür sorgten, dass er als Jugendlicher eine Begeisterung für den Folksänger entwickelte. Erst nachdem der Sound von Dylans Platten deine Aufmerksamkeit erregt hat, würden die Lyrics ins Spiel kommen, sagte Springsteen. Damit muss er wohl recht haben. Wie sonst lässt sich erklären, dass ich schon als zwölfjähriger Junge die Musik von Bob Dylan aufgesaugt habe, als meine Kenntnisse der englischen Sprache nicht gravierend über die Wörter Hello und Nice hinausgingen?
Woher kommt also die Anziehungskraft für die Musik eines Mannes, der von Joni Mitchell als „musikalisch nicht sehr begabt“ bezeichnet wurde und bei weitem kein so talentierter Gitarrist wie vergleichbare Interpreten aus seiner Generation (z.B. Neil Young) ist? Ganz einfach: Nur Dylan kann mit seinem Gesang auf so unterhaltsame Weise viele unterschiedliche Emotionen gleichzeitig vermitteln. Seine nasale Stimme, die David Bowie in „Song for Bob Dylan“ treffenderweise als „voice like sand and glue“ beschrieben hat, wird von vielen als nervig empfunden, steckt in Wahrheit aber voller Charisma und ist dadurch nur schwer einzuordnen. Ist Dylan gerade sensibel oder aggressiv, ironisch oder ernst, nichts davon oder alles gleichzeitig? Doch nicht nur seine Stimme macht ihn als Performer so originell, sondern vor allem die Art wie er singt; wo er bestimmte Akzente setzt und wie er manche Wörter ausspricht. Eins steht fest: Wenn der Pate aller Anti-Sänger in seinem hochgelobten Song „Like a Rolling Stone“ die Worte „How does it feeeeeeel“ singt, fühlt jeder Mensch zumindest irgendwas.
Wenn die meisten Leute an Bob Dylan denken, dann haben sie das Bild von einem jungen Folksänger im Kopf, der mit Akustikgitarre und Mundharmonika bewaffnet über die Ungerechtigkeit in der Welt singt. Seine Bandbreite an verschiedenen Stimmungen war allerdings auch schon auf frühen Akustik-Alben wie „The Freewheelin‘ Bob Dylan“ vorhanden. Hier gab er sich nicht nur als gesellschaftskritischer Denker („Masters of War“), sondern auch als sehnsüchtiger Liebhaber („Girl from the North Country“) und humorvoller Jungspund („I Shall Be Free“). Seine musikalische Diversität reichte hier bereits von wundervollen Balladen („Don’t Think Twice, It’s All Right“) über akustische Blues-Songs („Down the Highway“) bis hin zu freiem Sprechgesang („Talkin‘ World War III Blues“). Jeder kann ein paar Akkorde auf der Gitarre lernen und irgendeinen Text dazu singen, doch dabei verschiedene Emotionen zu vermitteln und nicht in alte Klischees zu verfallen ist eine hohe Kunst.
Mitte der 1960er Jahre ist Dylans erhobener Mittelfinger auf mysteriöse Weise immer größer geworden, denn er spielte plötzlich rohe Musik, die als Vorgänger des Punkrock kategorisiert werden kann. Im Kern seiner Lieder waren immer noch traditionelle Folk-Elemente zu finden, doch er betrachtete sein Songwriting durch einen neuen Filter, ließ sich von anderen Musikern begleiten und rüstete seine simplen Akkordfolgen dadurch mit einer frechen Rock-Attitüde aus. Auch äußerlich verwandelte sich Bob Dylan in etwas, das man als Inbegriff des Wortes cool bezeichnen könnte. Noch vor The Velvet Underground erfand er den typischen Rockstar-Look und präsentierte sich mit Lederjacke, Sonnenbrille und Zigarette im Mundwinkel.
Während seine großartigen Alben „Bringing It All Back Home“ und „Highway 61 Revisited“, die beide 1965 erschienen, musikalisch noch größtenteils auf dem traditionellen Blues-Schema basierten, ist Bob Dylans Vorstellungskraft kurz danach in verschiedene Richtungen explodiert und resultierte dadurch in dem wilden Meisterwerk „Blonde on Blonde“. Auch Dylan selbst bezeichnete es später als das Album, auf dem er dem Sound im seinen Kopf am nächsten gekommen ist. Das Frontcover der Platte, die außerdem das erste Doppelalbum der Rockgeschichte war, zeigt ein verschwommenes Bild von dem Sänger und repräsentiert dadurch seine fehlende Fähigkeit, auch nur für einen Moment still stehen zu bleiben. Auf „Blonde on Blonde“ hüpfte Dylan von einer Idee zur nächsten und katapultierte seine Musik so in neue Spähren: Seine Songs wurden gleichzeitig poppiger („I Want You“), wundervoller („Just Like a Woman“) und dreckiger („Leopard-Skin Pill-Box Hat“). Die brutale Mundharmonika in „Pleding My Time“ ist schon fast schmerzhaft und zeigt, wie wenig Interesse Dylan an der Zufriedenstellung seines Publikums hatte.
Die Tracks von Bob Dylan aus dieser Zeit sind wie kurze Schnappschüsse eines Augenblicks und leben von einer aufregenden Spontanität. Häufig begannen Dylan und seine Begleitmusiker ihre Songs aufzunehmen, ohne sie vorher intensiv zu proben oder zu besprechen. An seinen Texten saß der Sänger häufig einige Stunden, doch die musikalische Untermalung entstand meistens aus dem Moment heraus und war nach wenigen Anläufen im Kasten. Das mehr als zehnminütige Lied „Sad-Eyed Lady of the Lowlands“ wurde beispielsweise aufgenommen, ohne dass die Instrumentalisten wussten, wie lang der Song noch dauern wird; Dylan sang einfach immer weiter. Anders als viele andere Musiker aus dieser Ära, wie z.B. The Beatles oder Brian Wilson von The Beach Boys, sah Dylan keinen Grund darin, zu viel Zeit im Studio zu verschwenden. In der heutigen Musiklandschaft, in der leblose Laptop-Produktionen keine Seltenheit sind, vergisst man machmal, was für eine Magie entstehen kann, wenn ein paar Leute zusammen in einem Raum stehen und einfach spielen.
Bob Dylans Auswahl für seine Begleitmusiker hat dabei natürlich eine große Rolle gespielt. Die schneidende E-Gitarre von Mike Bloomfield und die jaulende Orgel von Al Kooper sind beides hervorragende Beispiele dafür, wie ausschlaggebend andere Leute für den Klang von Dylans Alben waren. Letzterer von beiden, der ursprünglich Gitarrist war, ist allerdings nur durch Zufall bei einer der Aufnahmesessions an der Orgel gelandet und hat trotz seiner limitierten Fähigkeiten an diesem Instrument unter anderem auf dem Klassiker „Like a Rolling Stone“ mitgespielt. Diese Tatsache unterstreicht die lockere Spontanität, die Dylans Musik in den Jahren 1965/66 prägte und sich deutlich im Sound seiner Platten widerspiegelte.
Auch bei Live-Auftritten waren Dylans Begleitmusiker von hoher Relevanz. Für seine Tour im Jahr 1966 engagierte er The Hawks, die wenige Jahre später den bescheidenen Gruppennamen The Band annehmen sollten und mit ihrer beeindruckenden Chemie untereinander überzeugten. Der Schauspieler Marlon Brando soll mal gesagt haben, dass die beiden lautesten Dinge, die er je gehört hat, ein startender Jet und Bob Dylan & The Band waren. Während die Instrumentalisten den brutalsten Rock spielten, den Dylans damalige Folkfans je gehört hatten, schrie sich der Sänger die Seele aus dem Leib und verschreckte damit seine vorherige Anhängerschaft, die ihn aufgrund seiner Hinwendung zur Rockmusik ausbuhten und als Verräter bezeichneten. Was für eine Schande… Wenn ich eine Zeitmaschine hätte, würde ich in das Jahr 1966 zu einem Konzert von Bob Dylan & The Band reisen und den buhenden Leuten möglichst gewaltfrei meine Meinung sagen.
Kurz nach dieser Tour hatte Dylan einen Motorradunfall und zog sich aus der Öffentlichkeit zurück. Seine Veröffentlichungen in den darauffolgenden Jahren waren von schwankender Qualität geprägt, bis er 1975 das ebenso warme wie schmerzvolle Meisterwerk „Blood On The Tracks“ herausbrachte und damit endgültig bewies, dass er in seiner Musik auch zu purer Schönheit fähig war. Schon immer hatte er zu wenig Anerkennung dafür bekommen, wie wundervoll seine Melodien und Akkordfolgen häufig waren. Auf „Blood On The Tracks“ findet man herzzerreißende Kompositionen wie „You’re a Big Girl Now“ oder „If You See Her, Say Hello“, die dich als Hörer zu umarmen scheinen und gleichzeitig Dylans Schmerz mit dir teilen wollen. Zwischendurch klingt es fast so, als hätte er beim Singen dieser Lieder noch die Tränen aus einem vergangenen Streit in den Augen. Nur bei dem Versuch, die Atmosphäre dieser sensiblen Platte zu beschreiben, krieg ich schon Gänsehaut.
Bob Dylan ist mehr als ein Poet. Er schrieb nicht nur geniale Songs, sondern trug diese auch mit einer revolutionären Attitüde vor. 1965/66 war er quasi einer der ersten Punks, bis er sich Mitte der 1970er Jahre wieder für die warme Schönheit entschied und dadurch nicht zum ersten Mal seine Vielseitigkeit unter Beweis stellte. Dylan ist weder ein begabter Sänger noch ein musikalisches Genie, doch darum geht es bei guter Popmusik meistens nicht. Ich fühle bei seinen Liedern mehr als bei irgendwelchen vermeintlichen Gesangsvirtuosen, da ich seine pure Energie spüre, wenn er „How does it feeeeeeel“ ins Mikro brüllt. „Ich liebe Dylans Worte, aber noch mehr liebe ich die Tatsache, dass er seine Worte liebt“, hat der Songwriter und Dylan-Verehrer Elliott Smith mal gesagt. Mir gehts genauso.