Talk Talk: The Sound of Silence

Wie geht nochmal dieses Sprichwort? Irgendwas mit Silber und Schweigen, und das eins davon besser als das andere ist. Egal, Sprichwörter sind nicht mein Ding. Als Popkultur-Fanatiker braucht man keine veralteten Phrasen, um sich ausdrücken zu können. Mit den Worten „Words are very unnecessary, they can only do harm“ helfen mir Depeche Mode in ihrem Hit „Enjoy The Silence“ dann beispielsweise auf die Sprünge. Oder ich frag Mia Wallace aus dem häufig zitierten Tarantino-Klassiker „Pulp Fiction“, die es auf den Punkt bringt und die oben angesprochene Redewendung alt aussehen lässt: „Man weiß immer, dass man jemand ganz Besonderen gefunden hat, wenn man einfach mal für ’nen Augenblick die Schnauze halten und zusammen schweigen kann.“ Danke, Mia.

Drehen wir dieses Zitat mal um: Man weiß immer, dass man ganz besondere Musik gefunden hat, wenn der Sänger einfach mal für ’nen Augenblick die Schnauze halten und die Musik für sich sprechen lassen kann. Der Gesang auf den letzten beiden Alben der längst inaktiven Band Talk Talk steht, wenn überhaupt vorhanden, nie im Vordergrund. Die Textzeilen sind akustisch kaum verständlich und wiederholen sich nur selten, sodass sich der Hörer nur schwer orientieren kann. Trotzdem fühlt man sich in der Welt von Talk Talk geborgen, da schnell klar wird, dass der Gesang hier als weiteres Instrument betrachtet wird und gar nicht den Anspruch an sich hat, die Songs zu steuern. Die Macht des Schweigens wird auf dem Spätwerk dieser legendären Gruppe nicht nur akzeptiert, sondern mit Bravour ausgenutzt.

Die Musik von Talk Talk war allerdings nicht immer so. Angefangen haben sie Anfang der 1980er Jahre als Synth-Pop-Band im Stile von Genre-Mitstreitern wie Duran Duran, und wurden damit in eine Schublade gesteckt, aus der sie in ihrer späteren Karriere erfolgreich ausbrechen konnten. Ihre frühen Hits wie „Such a Shame“ und „It’s My Life“ (nicht zu verwechseln mit dem grauenhaften Song von Bon Jovi) sind immer noch, wenn auch etwas zu oft im Radio gehört, wertvolle Perlen dieser Ära. Schon auf diesen ersten Veröffentlichungen fiel die nuschelige Stimme des Frontmanns Mark Hollis positiv auf. „The Colour of Spring“, das dritte Werk von Talk Talk, war zwar immer noch gefüllt mit Hits wie „Life’s What You Make It“, fungierte aber als eine Art Übergangsalbum und deutete bereits auf die feine Detailarbeit ihrer nächsten beiden Alben hin.

Um die Ästhetik dieser zwei Meilensteine zu erklären, greife ich (mal wieder) zu einer popkulturellen Referenz: Ed O’Brien ist einer von drei Gitarristen in der britischen Art-Rock-Band Radiohead und damit einer Gruppe, die deutlich durch die kompromisslose Vorwärtsgewandtheit von Talk Talk beeinflusst wurde. Da Frontmann Thom Yorke und Lead-Gitarrist Jonny Greenwood meistens die grundlegenden Gitarrenparts der Radiohead-Songs übernehmen, hat O’Brien häufig nichts zu tun. Anstelle von prägnanten Riffs oder verzerrten Solos liefert er subtile Klangtupfer, die zwar nur beim genauen Hinhören auffallen, durch ihre geschickte Platzierung aber ein wichtiger Bestandteil der Musik sind. Manchmal stellt er sein Instrument einfach zur Seite und lässt den anderen Bandmitgliedern ihren Raum. Die Momente, in denen er nicht spielt, sind dadurch genau so wichtig wie die, in denen er es tut.

Mark Hollis verfolgte auf „Spirit of Eden“ und „Laughing Stock“, den letzten beiden Alben seiner Band Talk Talk, einen ähnlichen Ansatz. „Bevor du zwei Töne spielst, lerne erstmal eine Note richtig zu spielen“, hat er mal in einem Interview gesagt. „Und spiele keine Note, solange du nicht einen Grund dafür hast.“ Diese Regel hat er so weit getrieben, dass seine Musik gar nicht mehr danach klang, als würde sie von einer Rockband gespielt werden. Durch ihre organische Natürlichkeit fühlt sie sich eher wie der Soundtrack zu einem atmosphärischen Dokumentarfilm an, und erinnert ebenso sehr an die freien Jazz-Stücke von Miles Davis wie an die schwebenden Ambient-Kompositionen von Brian Eno. Somit lassen sich die Songs auf diesen Alben keinem bestimmten Genre und auf den ersten Blick auch keiner bestimmten Epoche zuordnen.

Diese zeitliche Ungebundenheit war das große Ziel von Hollis. Allerdings kann man „Spirit of Eden“ und „Laughing Stock“ auch als Reaktionen auf die Musik der späten 1980er bzw. frühen 1990er betrachten. Statt sich an klassischen Pop-Strukturen und üblichen Synthesizer-Instrumentierungen zu orientieren, stattete Hollis seine Alben mit überlangen Tracks und einer breiten Soundpalette aus. Aufgrund dessen wird das Spätwerk von Talk Talk häufig als Vorläufer des später entstandenen Post-Rock angesehen. Prägende Bands wie Godspeed You! Black Emperor oder Sigur Rós schienen sich in den 2000er Jahren an der Herangehensweise von Hollis & Co zu orientieren, indem sie ihren eigenen Songs viel Platz zum Entfalten einräumten.

Mark Hollis legte bei den Studioaufnahmen besonders viel wert darauf, dass die von ihm eingeladenen Sessionmusiker vor allem durch ihr Gespür für Emotion und nur zweitrangig durch ihre instrumentalen Fähigkeiten überzeugen konnten. Viele Passagen auf „Spirit of Eden“ und „Laughing Stock“ sind kurze Schnipsel, die aus den meist improvisierten Aufnahme-Sessions mit diesen Musikern ausgewählt und später neu zusammengesetzt wurden. Inmitten dieser von Spontanität geprägten Produktionstechnik ließen Hollis und sein Produzent Tim Friese-Green viel Raum für subtile Passagen, in denen sie ihrer detaillierten Feinarbeit freien Lauf ließen. Wer hier nicht mit Kopfhörern zuhört, hat verloren.

Aufgrund des Perfektionismus von Mark Hollis nahmen die Aufnahmen von „Spirit of Eden“ deutlich zu viel Zeit in Anspruch, sodass Talk Talk ihr Budget sprengten und die vom Label EMI gesetzten Abgabetermine verpassten. Und weil die Plattenfirma dadurch noch nicht genügend Kopfschmerzen hatte, weigerte Hollis sich, Singles aus dem Album auszukoppeln und mit seinem neuen Werk auf Tour zu gehen, sodass „Spirit of Eden“ ein kommerzieller Reinfall wurde. Viele Fans konnten mit der atmosphärischen Musik nicht viel anfangen und brachten wie erwartet nicht die Geduld mit, die dieses Album von ihnen abverlangte. Um die Geschichte von Kunst gegen Kommerz kommt man auch bei Talk Talk nicht herum.

In der Karriere einer Band wird das Schweigen irgendwann zur besseren Option. Viele Musikgruppen, die in den 1980er Jahren angefangen und noch bis in das neue Jahrtausend Alben veröffentlicht haben, haben früher oder später ihren guten Ruf verloren. Talk Talk hingegen hörten auf dem Gipfel ihres künstlerischen Schaffens auf. Da Hollis seiner Familie mehr Zeit einräumen wollte, sind Talk Talk 1991 im Guten auseinandergegangen und beendeten die Bandgeschichte. Die gesamte künstlerische Entwicklung ihrer Karriere, eingeschlossen dem 1998 veröffentlichten Soloalbum von Hollis, kann als Hinwendung zur Stille betrachtet werden. Jedes Album war minimalistischer und subtiler als das davor. Nachdem man fast 20 Jahre nichts von ihm gehört hatte, starb Mark Hollis 2019 an den Folgen einer Krankheit. Das Schweigen, zu dem er sich in seinen Songs hingezogen fühlte, umgab ihn schließlich für immer.

Der experimentelle Avantgarde-Komponist John Cage gab 1952 ein Konzert, bei dem er keinen einzigen Ton von sich gab und nur reglos vor seinem Klavier saß. Ob es sich dabei noch um Musik handelt, bleibt offen, doch die Integration von Stille ist heutzutage ein verlorenes Handwerk geworden. Bevor man überhaupt einen Ton gehört hat, wirkt die Diskographie von Talk Talk schon durch jedes der wundervoll gestalteten Album-Cover unglaublich wertvoll. Und wenn man dann „Spirit of Eden“ oder „Laughing Stock“ auflegt, fühlt man sich wie paralysiert. Die Kunst des Schweigens ist Gold wert.